Fortbildung

“DER RICHTIGE PATIENT ZUR RICHTIGEN ZEIT BEIM RICHTIGEN ARZT”


Als Auftakt zum diesjährigen Frühjahrskongress lud die OBGAM den Gesundheitsökonomen Dr. Ernest Pichlbauer als Vortragenden ein. Pichlbauers Credo im Rahmen der an den Impulsvortrag stattfindenden Podiumsdiskussion: „Wenn sinnvolle Koordination nicht definiert ist, ist die Frage, ob der richtige Patient zur richtigen Zeit beim richtigen Arzt ist, reine Glückssache“.

Als die drei verschiedenen Organisationsebenen stellte Pichlbauer die Systemebene, die Versorgungsebene und die Behandlungsebene dar. Gut behandeln heißt demnach, die richtige Leistung (Diagonose, Intervention, etc.) vorzunehmen. Gut versorgt heißt, der richtige Patient beim richtigen Arzt. Die Versorgung ermögliche die Behandlung, Das System regle (bestenfalls steuere) die Versorgung, könne aber nicht versorgen oder behandeln, so der Mediziner. Österreich kämpfe mit zwei gravierenden Problemen, meinte der Pathologe im Rahmen seines Referates „Der Patient im Mittelpunkt – Wunsch oder Wirklichkeit“: Erstens sorge das duale System für hohe Ausgaben. Da die Krankenhausambulanz steuerfinanziert sei (Beveridge) und die niedergelassenen Ärzte beitragsfinanziert (durch die Sozialabgaben; Bismarck), gelte Folgendes: Alle vorhandenen Ressourcen werden tatsächlich auch genutzt. Als zusätzliches Erschwernis sei die Gesundheitskompetenz der Patienten verschwunden, diese seien „hochgradig sensibilisiert“, Dr. Google ließe grüßen.

Take away Message

Der wichtigste und schwierigste Schritt wäre festzulegen, welche Leistungen in unserem Gesundheitssystem generell erbracht werden sollen. Erst dann könnte man entscheiden, welche Organisationsform dafür die geeignetste wäre. Nur in einem integrierten System seien Prävention, Kuration, Rehabilitation, Pflege und Palliativbehandlung so aufeinander abgestimmt, das die 3-RRegel für die Patienten erfüllbar ist (richtige Zeit, am richtiger Ort, richtige Leistung). Die Gesundheitsreform werde praktisch keine Integration ermöglichen – durch die weitergehende Politisierung sei eher eine Verhärtung der „Fronten“ (Schnittstellen) zu befürchten. Auf der Behandlungseben (Arzt-Patienten-Ebene) werde es keine Trendwende geben – weder in die eine noch die andere Richtung, so die Take away Message des Gesundheitsökonomen. „Für den Patienten ändert sich mit der Gesundheitsreform genau nichts“.

Patientenerwartungen – Zusammenarbeit – klare Grenzen

In der anschließenden Podiumsdiskussion bekannte sich Dr. Jonas Rech (Vorstand JAMÖ) zu den Primärversorgungszentren „der niederschwellige Zugang um Anschluss zu finden, ist für uns Junge in den PVEs ein wichtiger Aspekt“. Seine Generation sei nicht mehr gewillt, endlos Überstunden zu machen. Dr. Viktoria Nader, Turnusärztevertreterin und Kurienobfrau Stellvertreterin der angestellten Ärzte, meinte aus ihrer Erfahrung heraus, dass die Patienten begehrlicher geworden wären, aber umgekehrt auch alle Leistungen bekämen. „Wir sind auf dem Weg, aber durch das indifferente System ist es schwierig, die Patienten richtig zu steuern.“ Mag. Michael Wall von der Patientenvertretung OÖ beleuchtete die rechtliche Seite und meinte, dass im Berufsrecht noch einiges zu tun sei, um neue Eigenverantwortlichkeiten herzustellen. Wenn man mit Superlativen wie „best service“ arbeite, habe der Patient natürlich auch bestimmte Erwartungen. Dr. Florian Ardelt, Vorstandsmitglied der OBGAM und mit seinem Vater in einer Gruppenpraxis in Marchtrenk tätig, bekräftigte die Vorteile der Zusammenarbeit von mehreren Ärzten „Meine worklife-balance passt extrem gut“. Die Patienten seien froh darüber, dass sie so mehr Zeit für sie haben. Pichlbauer abschließend: „Wenn die Grenzen zwischen primary health care und secondary health care nicht klar definiert sind, kann auch PHC nicht funktionieren“.